Der große Krieg
Der große Krieg

Der große Krieg

Mit einem großen Knallen und Pfeifen wurde das neue Jahr begrüßt: die vergangenen 365 Tage waren für die Mehrheit der Bürger mehr als nur erfolgreich gewesen, und so hoben die strahlendsten Raketen ab, um den Himmel in eine bunte Lichterwelt zu verwandeln. Es war nur schwer zu erkennen, welcher Nachbar die schönere Feuerwerkssalve in die Dunkelheit schoss, um der eigenen Selbstzufriedenheit auch nach außen Ausdruck zu verleihen.

Lea war dieses Jahr in die große Stadt gekommen, um bei diesem Spektakel mitten im Geschehen sein zu können und zudem noch etwas Zeit mit ihrer alten Großmutter zu verbringen, welche schon immer eine kleine gemütliche Wohnung in der Innenstadt besaß, von der aus man einen wunderschönen Ausblick auf das Stadtpanorama hatte. Es war immer interessant, von Oma zu erfahren, wie die Dinge früher gewesen waren und wie die Menschen früher gelebt hatten.

„Oma, du hast den großen Krieg damals miterlebt, was bedeutete Silvester damals für dich?“ fragte Lea gespannt, denn es musste ein gewaltiger Unterschied sein, den Jahreswechsel in Wohlstand und Sicherheit zu verbringen oder in Angst und Armut.

„Nun mein Kind“, antwortete die Großmutter mit nachdenklichem Blick, „gewiss sind wir nicht auf die Idee gekommen, noch zusätzlich zu den Bombenabwürfen weitere Explosionen zu verursachen. Wenn ich die beiden Zeiten vergleiche, so bin ich natürlich glücklich darüber, heute nicht mehr um mein Leben zu fürchten, allerdings empfinde ich aber auch Traurigkeit, vermisse ich doch einige Dinge aus dieser schweren Zeit“.

Lea war ein wenig perplex, denn was sollte Oma denn fehlen in einer Welt, in der es ihnen scheinbar an nichts fehlte?
„Das musst du mir genauer erklären, bist du nicht glücklich darüber, dass die Zeiten des Krieges mit all ihren Schrecken endlich vorüber sind?“, fragte Lea und blickte hinüber zu ihrer Großmutter.
Die Oma hingegen starrte gedankenversunken auf die große Kirchturmuhr, die mittlerweile fast schon die erste Stunde des neuen Jahres anschlug, als sie mit kratziger Stimme antwortete:
„Du hast Recht, es ist mit Sicherheit ein Segen, dass weltweit Frieden zwischen den einzelnen Ländern herrscht. Das bedeutet aber nicht, dass die Zeiten des Kriegs vorbei sind, schau dich nur um in der Welt: Heute wütet der Hass im Zwischenmenschlichen. Egal ob Syrien, Venezuela oder Libyen: alle diese Konflikte sind Bürgerkriege oder haben zumindest als innere Konflikte begonnen.
Aber nicht nur fernab von Europa tobt eine Gefühlskälte, sieh hinunter in die Straßen der Stadt: jeder will nur den anderen überbieten mit dem prächtigsten Silvester-Feuerwerk und der schönsten Weihnachtsdekoration. Es ist der Neid auf den Nächsten und die Angst, man selbst könnte abgehängt werden von den anderen. Wann war unsere Gesellschaft jemals so gespalten wie in dieser kalten Zeit? Haben wir uns nicht vor 30 Jahren noch mit freudigem Herzen die Hände gereicht zur friedlichen Wiedervereinigung?

Überall auf den Straßen und in den Medien wird aufgestachelt und gegeneinander ausgespielt: der Deutsche gegen den Ausländer, der Bayer gegen den Preußen, die Städter gegen die Landbevölkerung, der Reiche gegen den Armen, der Handwerker gegen die Akademiker, die Alten gegen die Jungen, der Mann gegen die Frau.
Wer wird nicht angeheizt, hinunterzutreten auf den Nächsten?
Derweil sind die schönsten Eigenschaften, die uns Menschen ausmachen der Zusammenhalt, das Knüpfen von Freundschaften und der Austausch miteinander. Wir sollten wieder mehr miteinander reden als übereinander. Wir lassen uns Lügen aufbinden von Schlangen, die uns gegeneinander aufbringen wollen, nur um ihre eigene erbärmliche Macht zu sichern.

Wir haben damals den bis jetzt bitterlichsten Krieg der Menschheitsgeschichte gehabt, das stimmt. Und obgleich jede Explosion den Tod bedeuten konnte, war sie doch ehrlich. Die heutigen Raketen flüstern nur ganz leise „Ich bin größer als du“.
Wir hatten damals nur ein kleines Feuer für einen ganzen Wohnblock, so knapp war das Brennholz. Aber es wurde schon warm, wenn alle zusammen in einem großen Raum standen und in stillem Hoffen die schöne Flamme beobachteten. Wir kannten kein besser und schlechter, sonst wäre wohl jeder einsam für sich allein verendet.

Wie oft höre ich heutzutage, wie gleich wir doch alle sind, und doch wird der kleinste Unterschied als Anlass benutzt, sich selbst ja nur besser zu stellen als den anderen. Ist es nicht schön, dass wir alle verschieden sind? Können wir nicht wieder mit neugierigen Kinderaugen versuchen zu verstehen, was die anderen bewegt und beseelt? Warum können wir nicht gemeinsam verschieden sein anstatt alle gleich einsam und armselig?

Lass doch die Menschen stolz auf ihr Land sein, solange sie niemand anderen verletzen. Vielleicht entdecken wir mehr Gemeinsamkeiten als wir dachten.
Lass doch den Leuten ihre ganz eigenen Besonderheiten und Traditionen, das macht doch die Welt interessant und liebenswert.
Lass doch die Städter wie muntere Ameisen miteinander aufblühen, während auf dem Land die frische Luft der Natur die Geister erfrischt.
Lass den Reichen sehen, dass Geld allein nicht zum glücklich machen taugt. Vielleicht tauscht er mit dem Armen ein paar Groschen gegen das Geheimnis, trotzdem dieses Leben zu lieben.
Lass den Handwerker und den Akademiker wissen, dass ihre Arbeit alleine so nutzlos ist wie ein Körper ohne Gehirn.
Lass die Alten erzählen von früher, damit die Jungen lernen können. Vielleicht machen die Jungen den Alten eine Freude, wenn sie nur sehen wie ihr Werk weitergeführt wird.
Lass jeden Mann und jede Frau so leben wie sie sind! So verschieden wir oft sind, so schön ergänzen wir uns im Miteinander.
Ich für meinen Teil könnte nicht glücklicher sein, als mit dir gemeinsam heute ein hoffentlich gutes neues Jahr zu beginnen. Ich hoffe, dieses Jahr können wir dazu beitragen, die Welt ein Stück friedlicher zu machen.“

In dem Moment, als Oma ihren letzten Satz beendet hatte bemerkte Lea, dass es nun ganz leise geworden war. Nur vereinzelt sah man noch den dünnen Schweif einer weit entfernten Silvesterrakete in der dunklen Nacht des neuen Jahres verschwinden. Die dunklen Wolken flogen aufeinander zu und verschmolzen unter dem hellen Licht des Mondes. Und als Lea die warme Hand ihrer Großmutter nahm sah sie, wie diese mit einem zufriedenen Lächeln in den ruhigen Horizont blickte.

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