Schöne alte Welt
Schöne alte Welt

Schöne alte Welt

Diesen Sommer auf ein Fest gehen und an rein gar nichts mehr erinnert werden, was die letzten zwei Jahre passiert ist? Alles, als ob diese Zeit zwischen März 2020 und März 2022 gar nicht existiert habe: ist das möglich? Wollen das die Menschen überhaupt?

Zugegeben, es ist ja aktuell schon angenehm irgendwo eingeladen zu sein, ohne gezwungenermaßen über Inzidenzen und Impfungen diskutieren zu müssen. Jetzt aber zukünftig die Masken nur noch für handwerkliche Tätigkeiten wie Lackieren aus dem Schrank zu holen, das erscheint geradezu phantastisch.

Doch wir haben gelernt, dass die Ängste und Sorgen der Bevölkerung sehr schnell wechseln können, vor allem dann, wenn sie hauptsächlich über die Medien geschürt werden. So ist das Dauerbrenner-Thema Terror und Migration von 2015-2019 fast vollständig aus den Zeitungen und Kommentarspalten verschwunden, wurde also quasi über Nacht ausgetauscht durch die Gesundheitsdebatte, welche jetzt wiederum durch die europäischen Drohgebärden in der Ukraine ersetzt werden könnte.

Nehmen wir also einmal an, die Medien hätten ein neues Ziel, das sie wie die Aasgeier anfliegen könnten, wie würde sich dies auf die Gesellschaft auswirken? Natürlich würde es wohl wieder mehr „echte“ Interaktionen geben: Diskussionen würden wieder vermehrt an den Stammtischen, in den Geschäften, Kneipen und Bars stattfinden anstatt per Artikel in den sogenannten sozialen Netzwerken geteilt werden. Zudem war die Diskussionsgrundlage der vergangenen zwei Jahren so volatil wie ein Virus selbst: jeden Tag mussten erneut Unmengen an Informationen und Zahlen ausgetauscht werden, um überhaupt mitreden zu können. Es ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass sich Diskussionen hinsichtlich eines möglichen Krieges in Osteuropa ebenso präzise um die tagesaktuellen Waffenkapazitäten und Frontverläufe drehen würden.

Auch sind bei weitem nicht so viele Menschen direkt von beispielsweise Krieg oder Terror betroffen: die massiven Grundrechtseinschränkungen jedoch gaben Anlass genug, dass jeder seine persönliche Sicht der Dinge mit seinem Umfeld teilen wollte.

Ich persönlich hoffe auf eine Entspannung der Beziehungen zwischen Menschen, die sich eigentlich nahestehen und in den letzten Monaten sehr gegenseitig aufgescheucht haben. In welcher Familie oder welchem Freundeskreis waren plötzlich nicht Personen, mit denen man nicht mehr ungezwungen seine Meinungen und Ängste teilen konnte? Vielleicht kommt also im Nachhinein die Erkenntnis, dass man zu sehr in Schubladen gedacht hatte und doch künftig mehr auf Eigenverantwortlichkeit setzt.

Ob die gesellschaftliche Spaltung dann überwunden werden kann bleibt fraglich, da die Menschen nicht nur hinsichtlich Gesundheit extremisiert haben, sondern auch bei anderen politischen Themenfeldern wie Klima, Migration und der Genderdebatte. Wo früher unterschiedliche Meinungen selten ein großes Problem waren stellen sie heute eine Freundschaft fundamental in Frage, sodass in den meisten Fällen entweder ein Kontakt- oder ein Kommunikationsabbruch erfolgt.

Dies liegt aus meiner Sicht am erhöhten Medienkonsum der Gesellschaft. Neben den alltäglichen Medien wie Zeitungen und Fernsehen werden die Menschen durch die Algorithmen in ihre jeweilige politische Blase getrieben. Daraus resultierten eine extreme Polarisierung und Politisierung, weil Menschen ohne Meinung als „dumm“ und „uninteressiert“ gelten. Kommt es dann zu einer Debatte zweier entgegengesetzter Pole, so werden die jeweiligen Seiten selten alle Informationen der Gegenseite kennen, sich durch das ebenfalls antrainierte Rechthabertum der einzigen Wahrheit wähnen.

Die ständige Beschäftigung mit diesen Themenfeldern ist jedoch mit einer hohen Negativität verbunden, da wie bereits dargestellt in erster Linie Ängste und Sorgen thematisiert werden.

Die entscheidende Frage ist nun, ob das Resultat einer gesellschaftlichen Politisierung für selbige gewinnbringend ist. Wäre es nicht menschlicher, wir würden uns wieder weniger um die uns aufoktroyierten Themen kümmern und mehr um sinnstiftende Lebensfragen, mit deren individuellen Antworten wir unser persönliches Umfeld positiv gestalten können?

Eine toxische Gesprächsatmosphäre ist unproduktiv und macht uns als Gesellschaft krank, wenngleich natürlich einem gesunden Diskurs weiterhin Raum gegeben werden muss. Doch ein Diskurs, dessen Ergebnis zerrüttete Freundschaften, aber dennoch keine praktische Handlungsanweisung sind erfüllt diese Vorstellung nicht.

Es ist Zeit, dass wir wieder den Rückweg antreten zu der Kernfrage, was uns als Menschen ausmacht und in welcher Form des Zusammenlebens dies am besten erfüllt werden kann. Vielleicht macht es uns dann gar nichts aus, wenn wir doch noch ab und zu lächelnd auf eine Zeit zurückblicken, in der wir uns unnötig entzweit haben.