Höhlengleichnis 2.0
Höhlengleichnis 2.0

Höhlengleichnis 2.0

Was wäre, würden wir eines Tages die Realität, die echte Wahrheit erkennen? Würden wir sie als solche anerkennen, oder würden wir uns so sehr davor fürchten, dass wir wieder zurück in unsere dunkle Höhle kriechen und dort weiterhin auf Schatten an der Wand starren würden, welche wir bis zu diesem Zeitpunkt als Realität angenommen hatten?

Diese philosophische Frage zeichnete der große Platon mit seinem berühmten „Höhlengleichnis“ bereits vor etwa 2400 Jahren, jedoch erfährt dieses Gleichnis für unsere Zeit eine bedeutende Wende, welche auch so ähnlich im Film „Matrix“ abgebildet wurde. So ist die Realität nicht mehr unbedingt die objektiv positivere Welt, sondern kann mit der Scheinwelt verglichen sogar viel schlechter sein. In der „Matrix“ leben die Menschen in einer modernen Zivilisation mit all ihren Annehmlichkeiten und Nachteilen, während die darin gezeigte „echte Welt“ total verkommen aus den Überresten einer zerstörten Umwelt besteht.

War der Film 1999 noch eine Dystopie, so kommt das von Mark Zuckerberg letztes Jahr prophezeite „Metaverse“ diesem Szenario schon einen ganzen Schritt näher. Im Metaverse soll es möglich sein über Virtual Reality in eine Welt zu entschwinden, welche den jeweiligen Wunschvorstellungen entspricht. Denkbar wären hier also virtuelle Reisen in andere Länder, in denen man dann für ein paar Euro auf der Couch in den teuersten Luxushotels absteigt und am Strand entspannt. Oder man trifft sich mit einer Freundin nicht mehr in der öden Realität im winzigen 1-Zimmer-Apartment auf ein Glas Wein, sondern verabredet sich virtuell in einem Märchenschloss.

Es soll also die Macht der Suggestion genutzt werden, um die Menschen in die von Platon postulierte Höhle zu leiten. Dass dies prinzipiell funktionieren kann zeigen die Scheinwelten der sogenannten Gamer mit immer realistischeren Spielumgebungen und die sozialen Netzwerke wie Instagram, auf der bereits jetzt schon ihrem Umfeld ein Leben vorgaukeln, dass sie eigentlich nicht führen.

Auf diese Weise lassen sich die subtilen psychischen Störungen substituieren, die vor allem die jüngste Generation in Folge von fehlender echter sozialer Interaktion zu erleiden hat. In der „echten Welt“ ein Mobbingopfer, Loser oder vom Hamsterrad ausgebrannt, bietet das „Metaverse“ die Flucht in ein erträglicheres Dasein, vielleicht sogar in ein erstrebenswertes Dasein.

Es ist davon auszugehen, dass sich vor allem bei fragilen Charakteren eine Sucht einstellen wird, die tatsächlich mit Drogenabhängigkeit vergleichbar ist: Auch hier wird der Psyche ein anderes Ich vorgegaukelt, welches jedoch immer wieder neu initiiert werden muss. Nachhaltiger wäre es, das wirkliche Leben entsprechend zu ändern, auch wenn dies weder die Gewinnabsicht des Silikon Valley erfüllt noch einfach ist.

Was wäre also die Motivation die vielleicht unattraktivere Realität dennoch anzuerkennen und sich bewusst gegen die „Höhle“ zu entscheiden?

Für mich ist dies tatsächlich der Sog der Wahrheit, welcher mich instinktiv gegen diese Lebenslüge stellt. Tun Menschen nicht deswegen das, was sie tun, weil sie denken, es wäre das Richtige und Wahrhaftige? Lediglich Verzweifelte entscheiden sich für den unrechten Weg: Egal, ob ich also wegen Geldsorgen eine Bank ausraube oder mich aufgrund einer Depression ins „Metaverse“ flüchte, in beiden Fällen bin ich mir bewusst, dass mein Handeln nicht richtig ist.

Ganz abgesehen davon, dass die digitale Welt niemals alle Facetten der Natur ersetzen kann: Selbst, wenn wir uns ein Video von einem Wald ansehen oder meinetwegen mit einer VR-Brille die Illusion haben tatsächlich in einem Wald zu sein, es werden uns immer die ein oder anderen Aspekte fehlen, denn letzten Endes interagieren alle Lebewesen mit ihrer Umgebung. Aus dieser Resonanz entstehen Gefühle und Eindrücke, welche wir mit der Digitalisierung niemals reproduzieren werden können, und sei es nur die Gewissheit, trotz Müdigkeit doch noch rausgegangen zu sein.

Wer war 2020 nicht froh, als er seine Familie und Freunde nach einigen Wochen Videokonferenz endlich wieder „in echt“ gesehen hat? Das Leben bietet uns unglaublich viel, wir müssen nur bereit sein es ihm auch abzuverlangen.

Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor
meiner längsten Wanderung: darum muss ich erst
tiefer hinab als ich jemals stieg:

— tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals

stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es

mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.

Diese Zeilen stehen in Nietzsches Zarathustra und ich finde, dass sie sehr gut das Leben an sich beschreiben: Mit wenig Einsatz wird die Belohnung in der Regel auch entsprechend gering sein. Das Glücksgefühl nach einem Marathon ist größer als auf dem Laufband 5 Kilometer zu absolvieren. Die digitale Welt sollten wir nur dann nutzen, wenn das Ergebnis für uns das Gleiche ist. Wollen wir einen Freund kontaktieren, so mag eine Whatsapp-Nachricht ein probates Mittel sein, ein echtes Treffen hingegen endet im Gegensatz zu einem Videochat fast immer mit einem „das sollten wir viel öfter machen“.

Entscheiden wir uns also für das Leben außerhalb der Höhle, auch wenn wir diese aus Interesse natürlich gerne einmal für einige Minuten betreten können.